Lyrik, die ankommt
Ein Besuch an den Solothurner Literaturtagen
An der 40. Ausgabe der Solothurner Literaturtage kam das Publikum so nahe an die Autoren heran wie noch nie. Die Flaniermeile an der Aare wurde mit Kurzlesungen beschallt, und mehrere Bars und Restaurants wurden zu Veranstaltungsorten, an denen kaum mehr eine Grenze zwischen Bühne und Publikum zu erkennen war. Schon immer begegneten an diesem Klassentreffen der Schweizer Literaturszene jedoch die Lesenden den Zuhörenden, etwa beim Essen und Trinken auf den Bänken des legendären Restaurants «Kreuz», inmitten des Festivalgeschehens.
Dass die Literatur nicht in Abgehobenheit erstarren, sondern vom vermeintlich hohen Sockel herabsteigen soll, war von Beginn weg eine zentrale Idee der Literaturtage, wie der Schriftsteller und Mitgründer Rolf Niederhauser an einem Podiumsgespräch ausführte. In Solothurn habe die Literatur Gelegenheit und Pflicht, «sich zu beweisen» – bei den Menschen anzukommen.
Eine spezielle Herausforderung ist dieses Sich-Beweisen für die Lyriker. Gedichtbände haben meist nur eine kleine Käufer- und Leserschaft, und Dichter sind – jedenfalls gemäss dem romantischen Klischee, das sich hartnäckig hält – der Inbegriff der Abgehobenheit und Weltabgewandtheit. Doch gerade bei der Lyrik gibt es ein grosses Spektrum an Möglichkeiten, die Kunst persönlich an den Mann und die Frau zu bringen. Hier können die private Leseerfahrung und das Vorlese-Ereignis besonders weit auseinanderklaffen.
Offensichtlich ist dies bei den musikalisch begleiteten Spoken-Word-Performances, die nicht über die Länge eines Radiosongs hinausgehen, und die mit einem Gespür für den effektvollen Auftritt vorgetragen werden. Das Kollektiv «Bern ist überall» macht es seit Jahren erfolgreich vor. Heuer gab es Kostproben von der neuen CD «Kosovë is everywhere», auf der die Schweizer Künstler mit kosovarischen Kolleginnen zusammengearbeitet haben. Eindrücklich demonstrierten etwa Ariane von Graffenried und Guy Krneta, begleitet vom Bassisten Michael Pfeuti die Kraft einer solchen Performance.
Doch auch wenn es weniger groovig zu- und hergeht, kann die Begegnung mit dem Dichter die Erfahrung des Kunstwerks bereichern und erhellen. Der aus Dresden stammende und in Zürich lebende Thilo Krause etwa las seine meditativen Naturgedichte vielleicht nicht so, dass sich ein ganz anderes Verständnis eröffnen würde, als die stille Versenkung in den Text hergibt. Doch in der freundschaftlichen Diskussion, welche Krause mit seiner aus Hamburg stammenden Kollegin Anja Kampmann vor Publikum führte, kam ein ganz anderer Mehrwert des Dichterauftritts zutage. Auf erhellende Weise gaben die beiden Einblick in ihre dichterische Praxis, wobei sich da nicht alles präzise erklären lässt. Darauf angesprochen, nach welchen Kriterien ein im Gedicht beschriebener Ort wie Zürich, Dresden oder Breslau – beispielsweise im Titel – genannt oder nicht genannt werde, meinte der Dichter, dass er dies von Fall zu Fall nach Bauchgefühl entscheide. In einer vom eigesprungenen Lucas Gisi umsichtig moderierten Lesung kamen die «unterschlagenen» geografischen und biografischen Kontexte zum Sprache. So erlebten die Zuhörer ein angereichertes lyrisches Ereignis, das in dieser Hinsicht keine noch so sorgfältige Lektüre im stillen Kämmerlein bieten kann.
Nicht jeder hat wie Thilo Krause, Anja Kampmann und einige andere Dichter das Privileg, in einem geschlossenen Saal vor andächtigem Publikum lesen zu dürfen. Auf der Aussenbühne am Landhausquai geben sich die Literaten im Halbstundentakt das Mikrofon in die Hand. Hier gilt es, gegen den Lärm der Gasse anzukämpfen. Nicht nur literaturhungrige Menschen scharen sich um die kleine Bühne, sondern es geraten auch Passanten und Velofahrer ins Gedränge, die einfach nur weiter wollen. Auch beim «Lyrischen Flaschendrehen» am Abend in der Kneipe haben die Dichter trotz Mikrofon mit Gläsergeklirre und dem Tosen der Kaffeemaschine zu kämpfen. Wer in diesen Situationen mit seinen Gedichten nicht untergehen will, muss sich mit fester Stimme und Überzeugung behaupten. Auf schiere Lautstärke kommt es an, auf eine klare Artikulation, vor allem aber auf eine lebendige Interpretation des eigenen Textes. Mit dem Zeremonienmeister Raphael Urweider am Tisch sassen in der «Stehbar No. 19» Lioba Happel und die in Vallader dichtende Angelika Overath, und später gesellten sich Thilo Krause und Anja Kampmann dazu. Sie alle schreiben Lyrik, die einer ausgedehnten Lektüre standhält – in der lärmigen Stammtisch-Konstellation allerdings nicht adäquat zur Geltung kommt und gleichsam zwischen den Fingern zerrinnt.
Einzigartig stark in der Performance auch unter erschwerten Bedingungen ist der aus dem Thurgau stammende Lyriker Christian Uetz. Er kann seine Gedichte (ebenso wie den Rest seines mehrere Romane und Gedichtbände umfassenden Gesamtwerks) nicht nur auswendig abrufen. Er trägt es mit grosser rhetorischer Geste und ungeheurer Präsenz vor. Jedes Wort hat hier seinen zwingenden Platz, und jeder Satz grösste Dringlichkeit. So kommen lautliche Qualitäten von Uetz’ Texten zur Geltung, die man in der stillen Lektüre leicht überlesen mag, und so werden poetische Raffinessen erfahrbar, die sich dem Ohr viel eher erschliessen als dem Auge. Wer Uetz kein Gehör schenkt, der wird in seinem Werk vielleicht vor allem das Überbordende und Kalauerhafte lesen und wird dabei seiner quicklebendig welthaften Poesie Unrecht tun. Wenn Uetz auf dem Landhausquai steht, die Zuhörer nacheinander mit seinem Blick durchbohrt, und seine musikalischen Phrasen und Kaskaden auf die Menschen herunterschleudert, dann drehen sich sogar die eiligen Velofahrer nach ihm um und geraten für einen Moment in seinen Bann.