Facetten von Spoken Word

Gedichtbände von Lisa Christ, Dominic Oppliger und Jurczok 1001

Fokus vom 13.06.2018 von Beat Mazenauer

Spoken Word geschieht auf der Bühne. Es gilt das gesprochene Wort. Vor hundert Jahren provozierten die Dadaisten und ihnen nachfolgend die Dichter der Konkreten Poesie das ästhetische Empfinden mit ihren Sprach- und Klangspielen. Auf der Cabaret-Bühne traten sie gegen die poetische Tradition an. Jahrzehnte später entstand die Slam Poetry aus dem Geist einer Bar in Chicago. Hier wurde das Dichten ironisch zum Wettbewerb erhoben, bei dem alle Zuhörer ihr Werturteil abgeben durften. In der Schweiz ist der Slam mittlerweile 20 Jahre alt – das entsprechende Jubiläum steht demnächst an.

Lisa Christ

Gewissermassen als Einstimmung kann der Band Im wilden Fruchtfleisch der Orange dienen, mit dem die Oltener Slamerin Lisa Christ einen Strauss ihrer Texte vorstellt. Mit Jahrgang 1991 ist sie noch jung, dennoch ist sie bereits seit gut zehn Jahren auf den Slam-Bühnen anzutreffen.

Gleich ihr erster Text «Film» schlägt den Ton an: «Habt ihr euch auch schon mal gefragt, wie ein Film weitergeht, wenn ihr aus dem Kino lauft?» Wenn die amerikanische Kleinfamilie übers Böse triumphiert und alles wieder eingerenkt ist – bloss das eigene Leben nicht? Mutmasslich aus eigener Erfahrung erzählt Lisa Christ von diesem komischen Gefühl, dass es kein Leben nach dem Film gibt, obgleich das Leben erst da anfangen würde. Derart erzählen ihre Texte von alltäglichen Erfahrungen – das Knuddelmuddel mit den Socken, der digitale Alltag oder ach, all die Typen, denen sie gefallen will –, um immer wieder abzuschweifen, bevor sie am Ende jeweils doch noch eine Pointe findet. Lisa Christ bringt so die Querelen, Nöte, Sehnsüchte einer Generationen auf den springenden Punkt – mit einem Witz und einer Ironie, die vor sich selbst nicht Halt macht. Das lässt hin und wieder auch ernsthafte Themen zu, in denen das Lachen versagt («Krebs») oder der unvermittelte Heulkrampf beides zugleich ist: traurig und komisch («Plötzlich und unerwartet»). «Wo sind mein Desinteresse und meine Verachtung gegenüber dem Mainstream?», fragt sich die Autorin unvermittelt. Wo ist die Haltung, die zu wahren wir uns doch täglich redlich bemühen? Vielleicht liegt es an ihr selbst: an ihrer «Quarterlife Crisis», die signalisiert, dass mit einemmal «jugendliche Dummheiten ... nur noch Dummheiten» sind. Eine nur bedingt korrekte Neigung zu Alkohol, Tabak und ungesunder Ernährung hilft darüber hinweg, denn «ein geiles Leben» muss «ein bisschen fett sein».

Lisa Christ erzählt unverblümt und forsch, der Gestus der Ansprache ans Publikum ist in diesen Texten unüberhörbar. Das hat auch eine Kehrseite, die sich vorab in dieser Buchform zeigt. Die Texte sind – jetzt als literarische Texte gelesen – nicht immer präzis und akkurat ausformuliert. Sie wackeln manchmal bedenklich in ihrer sprachlichen Form. Hin und wieder drängt sich der Verdacht auf, dass etwas viel Aufwand um wenig Inhalt getrieben wird. Ein solches Urteil ist korrekt – und dennoch verfehlt es das Wesentliche. Das Buch ist gewissermassen nur eine Hilfskrücke, eine sekundäre Schwundform, die nicht verhehlt, dass Lisa Christ für die Bühne textet und ihre Texte live dem Publikum vorträgt. Genau das aber ruft nach ganz anderen rhetorischen Figuren: der Wiederholung, der Steigerung und der Zuspitzung, bevor die Spannung sich in einer Pointe entlädt. Das sollte bei der am besten laut deklamierten Lektüre hier nicht vergessen gehen.

Dominic Oppliger

Ein umgedrehtes Verfahren zeichnet das Debüt von Dominic Oppliger aus. Die lockere Novelle von acht schtumpfo züri empfernt präsentiert sich auf der Bühne vorgetragen als fast etwas biedere Geschichte eines sympathischen Einfaltspinsels, der sich aus der Ferne von acht Stunden sein Leben und seine Lieben ins Gedächtnis zurückruft. Wie es der Titel anzeigt, liegt der spezielle Reiz dieser Prosa darin, dass der Autor dafür eine radikal eigenwillige Schriftform gefunden hat, die das dialektale Sprechen nicht in Satz und Wort darstellt, sondern es in die einzelnen Lauteinheiten, die Phoneme, aufgliedert und danach unothodox neu zusammensetzt. Das liest sich dann so:

welda bischüber ezit hinwegg eso nöch
undlernschenankäne

Zugrunde liegt dieser Spoken Word eine spezielle Dialektik des versprachlichten Erzählklangs, der übers Ohr aufgenommen vergleichsweise unscheinbar wirkt; erst in der Schriftform verrät er seinen wahren Eigensinn, der wiederum aber nur durch das lautliche Lesen den ganzen Witz entfaltet. Der sprachliche Verfremdungseffekt wirkt auf die Geschichte selbst zurück.

Dieser Gestus erinnert in einem Motto gleich eingangs an die Prosa von Martin Frank, der in «ter fögi ische souhung» diese radikale Schreibweise 1979 erstmals erprobte. In ihrer Tradition erzählt Dominic Oppliger frisch von der Leber weg und scheut sich logischerweise auch nicht vor fremdsprachlichen Wendungen und Worten wie «nius» oder «tschörtsch». Nach streng literarischen Massstäben ist Dominic Oppligers Prosa eher einfach gestrickt. Das macht den Umgang mit ihr komplex: sie muss in Buchform so gelesen werden, als ob sie der Autor gerade eben spontan erzählen würde. Inhaltlich geht es dabei um Anekdoten aus dem verbummelten Alltag eines Helden, der verschiedenen Liebschaften nachhängt, ohne dass es damit so richtig klappt. Lena oder Sonja oder vielleicht sogar Elena? Im Herzensgrund sehnt er sich ohnehin nach der «Raffi», die er schliesslich in einer Stadt «achtsumpfo züri empfernt» zu treffen hofft. Ein Happyend, wer weiss.

Dominic Oppliger gibt im ersten Kapitel einen Hinweis darauf, wie sein Buch funktioniert. Im Zug hat er Ovid Metamorphosen gelesen:

untasisch zum teil
en zimliche chrampf xi

aber wämmers mal enzifferet hätt
dänn sinzebe schono gueti geschichte

Auf diese Weise hält seine locker erzählte Novelle doch einige Überraschungen bereit. Und erahnten wir nicht, was zum Schluss der Danksagung stehen muss, nämlich eine Widmung an die Eltern, wir läsen bloss einen indogermanischen Zaubervers: «gwipmetischs mineneltere».

Jurczok 1001

Weniger dem pointierten Erzählklang als einer umfassenderen Musikalität verpflichtet ist die literarische Performance von Jurczok 1001. Im Verlag Patrick Frey ist ein schöner Band erschienen, in welchem seine Texte nachzulesen sind. In einer mitabgedruckten Laudatio von Melinda Nadj Abonji, mit der Jurczok seit 20 Jahren zusammenarbeitet, steht eine vielsagende Auflistung:

Was also verkörpert Jurczok?
Rap? Ja.
Gospel? Ja.
Minimal-Techno? Ja.
[usw.]

Jurczok 1001 entwickelt und inszeniert seine Texte von ihrer musikalischen und rhythmischen Struktur her. Mit Samples und Loops der eigenen Stimme kreiert er einen Soundteppich, in den hinein er mal sprechend, mal singend, mal rappend seine Stimme legt. Die streng rhythmisierte Sprache fügt sich so in die Klangperformance ein und löst sich immer wieder auch darin auf.

Im umfangreichen Klappentext dieses Bandes erzählt Jurczok, wie er Mitte der 1990er Jahre von der MTV-Rap-Kopie zu einer eigenen Dialektsprache gefunden habe. «Der Auslöser für diesen Wandel waren die sogenannt nachrichtenlosen Vermögen jüdischer Familien auf Schweizer Bankkonten» – und weiter: «Unverhofft hatte ich ein konkretes Thema, eine Message.»

Der Band versammelt rund drei Dutzend «Spoken Beats» aus den letzten zehn Jahren, die in Umfang und Form stark variieren. Es finden sich darunter persönliche Gedichte, in Form von lyrischen Erzählungen über die Liebe oder den prägenden Topos Agglomeration, wie im atmosphärisch dichten «Bahnhof». Begleitet werden sie von urbanen Momentaufnahmen aus Zürich oder New York, die oft in Form von konkreter Poesie, von Listen den Lifestyle ebenso pointiert wie ironisch abbilden. Und natürlich gehören die politischen Texte dazu, die Jurczok gerne rein rhetorisch anlegt und dabei ganz auf den Rhythmus der Sprache baut. Zwei klassische Beispiele sind «Zitat Ende» über die schreckliche Heidegger-Debatte im SRF-Literaturklub oder Jurczoks Evergreen schlechthin: «Behauptung», besser bekannt als «D' Wältwuche», in in einem minimalen, repetitiven Sermon (fast) alles zu sagen vermag:

Jetzt losed Sie mal guet zue
D' Wältwuche
D' Wältwuche
D' Wältwuche
D' Wältwuche
Losed Sie
D' Wältwuche

Alle diese Texte verbindet eine wache Aufmerksamkeit für alltägliche Begebenheiten, die Jurczok mal mit lässigem Charme, mal mit spitzer Zunge, immer streng rhythmisiert in sein performatives Format einbaut.

Der Band Spoken Beats zeichnet sich durch einen kleinen Dreh mit schönem Effekt aus. Ein Text ist geschriebene Sprache, der zwar gut in ein Buch passt; ihre lebendige Klanglichkeit geht dabei aber naturgemäss verloren. Indem die Texte jedoch als faksimilierte Typoskripte mitsamt all der handschriftlichen Korrekturen und performativen Notizen abgedruckt sind, gliedern sie sich wieder ein in den umfassenden Arbeitsprozess, der über das Buchformat hinaus weist und erst live oder ab Audio-CD (wie zuletzt All die Jahr, 2014) vollendet wird: als musikalische Performance. Genau darauf macht dieses Buch neugierig.