Lyrische Nachträge
Herbstliche Nachlese (Lyrikbände von Kurt Aebli, Adrian Naef, Nora Gomringer/Klaus Merz et al, Christian de Simoni)
Kurt Aebli: Königliche Fahrt
Spazieren – Innehalten – Lauschen und Empfangen, auch Worte. So liesse sich der poetische Dreisatz von Kurt Aebli umschreiben, der auch im neuen Gedichtband seine Ausprägung findet. Das erste Gedicht gibt dabei eine Vorlage in Demut: «Aus so vielem von mir ist / nichts / geworden, und wär es nicht / nichts geworden, so wär es / nicht viel.» Dieser Grundton der Bescheidenheit prägt die 81 Gedichte im Band Königliche Fahrt. Im Ausklang antwortet Aebli nochmals den ersten Versen zu Beginn: «wenn man nichts zu sagen hat, ist es / besser, Wolken sprechen zu lassen».
Doch so einfach ist es nicht. Das lyrische Ich formt durchaus Worte, ordnet sie zu Versen und Strophen. Der eine, «der ein Leben lang im Kreis ging», durchmisst den Wald und umrundet den See, achtend auf die Stille und den Regenwurm, im Verstummen sich selbst wahr nehmend.
Sturm, Nebel, Kälte begleiten dieses lyrische Ich atmosphärisch und hüllen es in seiner Einsamkeit und dem erwogenen Schweigen ein. Die Zuneigung zur Welt – in Gestalt von Wald und See – schliesst dialektisch indes eine Abkehr mit ein: von den Menschen und ihrem Tun. Im Schweigen steckt ein Abkapseln, die intendierte Offenheit des Dichters verschliesst sich vor den Dingen, die sich ausserhalb des Waldes begeben. In dieser Hinsicht ist die Lyrik von Kurt Aebli einfacher, elementarer geworden, während frühere Gedichte mehr poetische Freiheit im Paradoxen behauptet haben. In Königliche Fahrt stehen Preziosen der Einkehr mitunter Verse entgegen, in denen das lyrische Ich nicht vor Hochmut gefeit erscheint. Indes überzeugt dieser Band durch seine formale Mannigfaltigkeit. Kurt Aebli erprobt alle möglichen rhythmischen Variationen mit kurzen und langen, gebundenen und losen Zeilen in ungleichen Strophenformaten. Er bewahrt so einen staunenswerten Gestaltungsreichtum.
Adrian Naef: Moonshiner
Eine erstaunliche Fülle an lyrischen Formen und Spielereien zeichnet auch die Sammlung Moonshiner aus. Schon in vorangegangenen Bänden hat sich Adrian Naef als ausgesprochen temperamentvoller, lebhafter Dichter hervorgetan. Der alte Vers im Vorspann zu Moonshiner bestätigt diese Munterkeit: «Mich wundert, warum ich so fröhlich bin.» Mit grosszügiger Geste präsentiert Adrian Naef einen Gedichtreigen, der nach einem theologischen Intro («Als Gott schlief am siebten Tag») über Allzumenschliches («Glaub nicht den Andern / Du bist allein») mitsamt all den Sehn-Süchten («König Alkohol») bis hin zu epischen Porträts von Städten wie dem janusköpfigen New York oder dem ewigen Rom führt. Immer wieder spielen dabei andere Dichter mit in diese Verse hinein: Benn, Busch oder Heine.
In der Mitte des Bandes endet ein Gedicht mit den Zeilen: «Als die Dichter noch Dichter waren / hätte ich Dichter sein wollen». Es ist mit «Romantik» überschrieben und offenbart mit ungesagter Anleihe bei Novalis das Herz des Dichters Naef: Er ist ein lyrischer Romantiker, der blauen Blumen nachjagt, unsichtbare (alkoholische) Geister besingt, muntere Töne anschlägt und dennoch nie vergisst, dass alles schnell ein Ende nehmen kann. Von all dem quillt dieser Band über. Dabei zieht Adrian Naef stets die lauteren, unverstellten Töne vor, das Ringen um die perfekte Form liegt ihm weniger. In ihren besten Momenten behält seine Lyrik so etwas unmittelbar Direktes, das direkt, eilig zur Sprache drängt. Die Einhaltung stilistischer Regeln würden diesem Elan bloss Einhalt gebieten. Allerdings verfehlt das Verfahren hin und wieder den brillanten Vers zugunsten einer Pointe, die rhythmisch wackelt.
Die gegen 100 oft mehrteiligen Gedichte demonstrieren ein breites Register von lyrischen Sprechweisen, welches mitunter eine Kluft zwischen gezügelter Präzision und spontaneistischem Furor offenbart. Schmalere Bände wie Mohn oder Raben muten diesbezüglich kompakter an. Dennoch ist immer wieder jener «fulminante Schriftteller» herauszuhören, von dem der Herausgeber Rainer Weiss im Nachwort schreibt. Im zweiten Teil folgen – wie im Untertitel angezeigt – eine Reihe von Songs, die Adrian Naef in Englisch und Mundart verfasst hat. Darunter auch das titelgebende «Moonshiner», das illuminiert wird von «burning whiskey and gin». Viva la vida.
Nora Gomringer, Klaus Merz et al.: Flüsterndes Licht
Kettengedichte in der japanischen Tradition des Renga werden bei uns seit einiger Zeit gepflegt. Eine Spielart präsentiert der Band Flüsterndes Licht. Fünf Autorinnen und Autoren haben dafür per E-Mail zusammengefunden. In wechselnder Reihenfolge wollten sie voneinander den poetischen Faden aufnehmen und weiterspinnen. Eine der vereinbarten Regeln besagte, dass «jeweils nur auf eine Stimmung, ein Bild oder Wort aus der vorangehenden Strophe» reagiert werden soll. Mit derart minimalen Berührungspunkten entwickelt sich vom titelgebenden Grundton «Flüsterndes Licht» ein schillerndes, langes Poem, das insgesamt 90 Strophen umfasst, bis es, «die Töne verklungen», endet. Zwischen Licht und Klang entfaltet sich das Kettengedicht in Wellenbewegungen. Das Motiv Kind wird aufgenommen, zur Taufe gebracht und nochmals ins Wasser getunkt, um vier Strophen später einzumünden in die Motive Essen und Trinken. Aus Wein wird Bier, «das den Nachmittag, den Abend ungespundet überschwemmt». Dazu wird eine Ente zertrennt, die – ratsch – hinüber führt zur Trennung von siamesischen Zwillingen und so das Kindesmotiv wieder aufnimmt. Auf diese Weise, in oft langen Zeilen bei Nora Gomringer, in präzisen kurzen bei Klaus Merz, mäandert dieser Strom der kommunizierenden Inspiration. Jedes der Gedichte bleibt für sich autonom, mit einer trefflichen individuellen Ausprägung; zugleich wird es Teil in einem Ganzen, das Bild um Bild, Motiv um Motiv verkettet und verwoben wird. Gerade die Verbindungsstücke sind dabei faszinierend zu beobachten. Ein «Flackern hinter Lidern» wird stroboskopisch mit einem «FlaaAAcckerrrn» wiederholt, um anschliessend als Weltkugel in den Raum gehängt zu werden. Und dennoch bleibt der Fluss in seinem Bett, filigran variiert mit Mass, die Motivkette bleibt fest gespannt, nur das Licht scheint mit Fortdauer leicht nachzulassen, so dass die Schatten länger werden – bis nur der Wunsch bleibt: «mach ein leises Gedicht».
Christian de Simoni: Das Rigilied
Wer Lyrik sagt, muss auch Lieder meinen. Am Anfang war das Singen, und Lieder gehören zum «poetischen Volksvermögen» (Peter Rühmkorf), denken wir nur an die Chansons von Mani Matter, in denen sich Lyrik und Volkslied symbiotisch verbinden. Einem Klassiker des Schweizer Liedgutes nimmt sich mit listiger Ironie der Essay von Christian de Simoni an: dem Rigilied, besser bekannt unter «Vo Lozärn gäge Wäggis zue». Diese populäre Version hat mit gut gelaunten Jodeleien eine alte Fassung übermalt, dem eine wahrhaftige Reiseerzählung zugrunde liegt. Der Komponist und Texter Johann Lüthi berichtete 1832 von einer Rigiwanderung, die unter der damaligen Mühsal leicht zu einer erotisch unterfütterten Bergbesteigung geriet, die auch einen Liedtitel wie «Reise ins Alpenbordell» erlaubt hätte. Auf Rigi Kaltbad lockten frische Mädchen mit ihren Reizen und der Aussicht, noch frei zu sein. Zumindest einer der Wandergesellen, Hammer mit Namen, erscheint in der letzten Strophe als Vater eines Büeblis aus einer solchen Liaison, weshalb er die Rigi meiden sollte.
In unserem harmlosen Reiselied steckt demnach ein leicht anrüchiger Kern. Auch darum geht es de Simoni. Intensiver aber forscht er der Entwicklungsgeschichte des Liedes nach, das quellenmässig weit zurück bis in die Bronzezeit reichen und Ableger bis nach Amerika erzeugt haben soll. Bei seinen Recherchen in Lüthis Heimat Oberunzelen schleichen sich allerdings mehr und mehr Zweifel ein. Andere verlässliche Quellen (wie Wikipedia) sprechen diesbezüglich von Oberbuchsiten, wo Lüthi gelebt habe, beispielsweise. Zudem schleichen sich biographische Indikatoren ein, so dass sich aus dem Lied-Essay mehr und mehr der verknotete Bericht eines jungen Mannes in der Krise herausschält. Christian de Simoni verschiebt den Fokus des Textes, durchmischt die inhaltlichen Ebenen und schürt sachte den Argwohn der Lesenden. Was will uns dieser Autor sagen? Und ist das Ganze nicht bloss geflunkert? Das anzügliche Rigilied scheint zwar wahr und echt, so wie es Alfred Leonz Glanzmann 1904 überliefert hat; der Autor respektive Ich-Erzähler hingegen stellt sich selbst mehr und mehr ins Zwielicht, so dass wir diesem gewitzten Text mit Recht argwöhnisch begegnen.