L'invité: Matthias Zschokke

Entretien

Fokus vom 04.07.2000 von Patricia Zurcher

Ihre drei ersten Bücher, Max, Prinz Hans und ErSieEs spielten alle in Berlin, wo Sie ja auch selber leben. In Das lose Glück kommt Berlin aber eher am Rand vor: Welche Rolle spielt diese Stadt in Ihrem letzten Buch und in Ihrer eigenen Schriftstellerexistenz?

Ja, also die Hälfte des Buchs ist trotzdem Berlin! Es ist halt der Ort, in dem ich lebe seit 20 Jahren und da ich sehr nahe an mir dranschreibe, ist natürlich Berlin auch immer ein Bestandteil von dem, was ich schreibe. Ich bin ja nicht in dem Sinn ein Fiktional-Autor, der nach Mexiko reist mit seinen Figuren. Die Reise geht eigentlich mehr nach Innen, weil ich das Gefühl habe, dass ich noch genug nicht geklärt habe in meiner näheren Umgebung, dass da nach wie vor ein unheimliches Kosmos ist und man nur genau hinschauen muss. Berlin würde eigentlich also durchaus reichen, um ganze Bücher zu füllen. Den modischen Aspekt, also den Zeitaspekt an der Stadt, finde ich uninteressant, es ist eben so eine Mode und vergeht auch wieder. Aber da gibt es unten drunter etwas, was einen Ort wirklich bestimmt und was dann auch den Menschen, der darin lebt, auch mitbestimmt. Es interessiert mich in Berlin eben weiterhin das Licht zum Beispiel: Es ist eine dunkle Stadt im Winter und im Sommer ist es dort länger hell.

Sie haben von Anfang an die literarische Gattung des Romans misshandelt und sehr in Frage gestellt. Was missfällt Ihnen denn so sehr bei ihr?

Sie missfällt mir nicht, ich kann sie nicht und wenn man es nicht kann, dann will man es auch nicht. Aber an sich mag ich durchaus gern Romane. Madame Bovary lese ich sehr gerne. Obwohl der in sich ja auch ein völlig schiefer Roman ist, also die Romanform ist da auch nicht geglückt. Aber es fällt mir auf, dass ich mich zunehmend langweile an gebauten, fertigen, schönen, runden Romanen, wenn sie von heute sind. Ich habe das Gefühl, ich weiss ja, wie es weitergeht. Die Geschichte ist mir eigentlich egal, weil es ja so und soviel Geschichten auf der Welt gibt und wir sie ungefähr kennen. Es kann nicht sehr viel Neues passieren im Ablauf, sondern nur im Detail können plötzlich Sprünge stattfinden, die einen irritieren und genau das versuche ich dann auch. Ich will nicht einen Roman zertrümmern und möchte auch keinen Gegenentwurf hinstellen, sondern mich interessiert wirklich das Erzählen an sich. Jeder Autor möchte eigentlich, dass sein Buch zum Leben kommt, dass sein Buch ein lebendes Objekt wird; man möchte gern etwas schaffen, was nicht tot ist und schreiben ist unter anderem ein permanentes Töten. Wenn man etwas niederschreibt, dann ist es tot und kann nicht mehr anders werden als so, wie es da steht. Man produziert also dauernd eine Leiche und verzweifelt dabei. Irgendwie sollte das Leben da wieder reinkommen.

Es braucht also etwas unregelmässiges, damit das Leben wieder reinkommt...

Ja oder es kann auch regelmässig sein, das gibt es ja auch, also plötzlich ein Leiern, das sich wiederhohlt und wo man sich plötzlich fragt: Was ist denn jetzt los? Also wie es dann aussieht, das weiss ich auch nicht. Ich langweile mich, wenn ich das Gefühl habe, das macht einer, um mich zu unterhalten. Es ist dann Kunsthandwerk und nicht Kunst. Bei Kunst muss, glaube ich, noch etwas dazukommen, was mich beunruhigt und was ich nicht mehr erklären kann als Rezipient, was ich auch nicht will; ich glaube Kunst wird nie gewollt, Kunst ist immer das, was keiner will. In dem Moment, wo man es akzeptiert, fängt es an, abzusterben. Wir sehen ja, dass das Leben nicht perfekt ist und da fangen wir alle an zu suchen, was man da besser machen könnte, damit es endlich durchbricht, das Leben, damit es endlich anfängt zu atmen.

Und fürs Theater gehen Sie gleich vor?

Ja, es ist komisch, obwohl ich das nicht will. Ich merke es erst nachträglich. In Deutschland herrscht ein sehr körperliches Theater, ein sehr schnelles, aktionsreiches, bilderreiches, musikalisch und körperlich betontes Theater und in der gleichen Zeit schreibe ich komischerweise betont lange Monologe... Das neuste Stück, das noch nicht aufgeführt worden ist, sind nur noch Leute, die sitzen und noch länger reden. Ich will nicht gegen dieses Aktionstheater schreiben, ich merke nur, dass wenn sich alles so um mich bewegt, ich endlich einmal den Wunsch habe, Ruhe einkehren zu lassen und mal zu schauen, was eigentlich los ist. Ich will jetzt Ruhe haben auf der Bühne, weil alles sich bewegt. Und das kann ich eben erst rückwirkend sagen, weil ich das nicht absichtlich mache. Man bewegt sich immer in der Zeit, in seiner Zeit, man ist immer modisch, entweder antizyklisch oder dann mittendrin in der Mode.

Ihre Figuren, obwohl sie nie so richtig zu echten Figuren werden wollen, sind aber auch keine reinen Hirngespinste; sie passen eher gut ins zwanzigste Jahrhundert.

Ja, ich finde, es sind absolut reelle, also handfeste Figuren; das ist überhaupt nichts experimentelles oder ausgedachtes. Ich meine, dass die Leute um mich herum so sind und auch ich so bin. Ich habe das Gefühl, ich beschreibe unsere Zeit in den Bereichen, die ich überhaupt sehe, ich beschreibe da wirklich eine präzise gesellschaftliche, empfindungsmässige Gefühlslage, eine Sicht auf die Welt. Ich höre zwar immer, dass man mir sagt: Wir sind doch nicht so am Ende. Ich finde jedoch, wir sind so am Ende, ich finde dass dieses ungeheuer Bewegte, was jetzt so schäumt, eine Art Hamsterrennen im Rad ist. An sich sind die Leute vollkommen fix und fertig und wissen nicht weiter. Es geht jetzt auf eine Jahrhundertwende zu und wir wissen nicht, was jetzt gut war und was nicht, was wir neu beginnen könnten, was man tun könnte. Alle starren auf diese Zukunft und schauen zurück und sagen: Ich weiss auch nicht.

Ihre Figuren tun sich aber auch immer wieder schwer, wenn es darum geht, sich der Gesellschaft anzupassen, in der sie leben...

Ja eben, weil ich meine, die Gesellschaft gibt das nicht zu. Sie behauptet immer etwas anderes zu sein, als das, was sie ist. Und deswegen gibt es jetzt eben diese Figuren, die sagen: Es tut mir leid, mir kommt es nicht so vor, ich möchte einmal kurz austreten und sagen, ich fühle mich eher so... Insofern sind sie keine Prototypen unserer Gesellschaft, sondern eher randständig. Aber das ist nur ein bewusster Schritt; sie tun sich nicht schwer mit der Gesellschaft, sie sind die Gesellschaft und haben einfach den kleinen Schritt, den zusätzlichen getan.

Max träumte früher davon, endlich einmal gewöhnlich, so wie alle sein zu dürfen. Diesen Wunsch erfüllen Sie Ihren Figuren aber auch diesmal, in Das lose Glück, nicht?

Es kann sein, dass Max sich noch mehr als Gegenüber gesehen hat und sich an diese Gesellschaft gerieben hat. Doch die Figuren jetzt, die sind ja in der Gesellschaft, die haben ihre Positionen eingenommen innerhalb der Gesellschaft und wollen gar nicht mehr wie die anderen werden, weil sie schon so sind. Deshalb liegt vielleicht der Konflikt noch viel mehr in ihnen drinnen. Einerseits wird man immer souveräner, weil man verzichten auf Feinde kann, weil man die äusseren Feinde nicht mehr braucht und andererseits sind die Figuren immer mehr in sich selbst verloren.

Den Lesern, die fragen: Und was nun?, haben Sie schon damals in Max geantwortet: «Solchen Wissensdurst werde ich nicht löschen. Ein gelöschter Durst ist kein Durst.» Literatur soll also keine Antworten liefern und auch keine Erwartungen erfüllen?

Nein, ich finde, das Schönste, was ein Buch auslösen könnte, wäre wirklich, dass es einen beim Lesen plötzlich unruhig macht und weckt, obwohl es das sagt, was man selber auch denkt. Also, ich finde ein Buch unheimlich reich, wenn es mich braucht, wenn es mich als Leser bedient und mich als ein Gleichberechtigter integriert, der praktisch mitsitzt und sich auch erlauben kann, noch etwas zu denken.

Fragmente scheinen in Ihren Augen mehr wert zu haben als das Ganze, weshalb?

Ja, früher gab es ganze Bewegungen und Theorien über Fragmente, auch in der Literatur hat man Fragmente geschaffen, Gedichtfragmente, oder in der Architektur. Doch eigentlich kann man Fragmente nicht schaffen, das wird dann immer so ein kitschiges Zeug, aber es ist wahnsinnig interessant. Selber schaffe ich nicht Fragmente; ich habe lieber Stücke, fertige Stücke, von denen ich dann denke, die können so stehenbleiben... Doch ich habe kein Programm. Ich kann einfach nicht eine runde, fertige Geschichte erzählen, weil ich mich dann langweile...

Ist es ein Zufall, dass nach Brut und Piraten wieder eins Ihrer Bücher auf einem Schiff spielt, doch diesmal auf einer Yacht?

Ich weiss nicht, aber es ist so praktisch, so ein Schiff, weil man die Welt draussen vergisst; man kann sie also weglassen und sich wirklich konzentrieren auf die Leute, die da sind...

Die Verhältnisse zwischen den Menschen sind von Anfang an zentral gewesen in Ihrem Werk...

Ja, ich würde weiterhin rasend gern wirkliche Liebesgeschichten erzählen, wirkliche Beziehungsgeschichten. Es geht immer um Menschen und um den Umgang mit einem, um die Schwierigkeiten, miteinander umzugehen und um die Sehnsucht, endlich mit jemandem umgehen zu können.

Patricia Zurcher