Das magische Zeitalter geht zu Ende

von Beat Mazenauer

Publiziert am 20/09/2007

Vor neun Jahren landete Tim Krohn mit dem Roman Quatemberkinder einen Überraschungserfolg. Nun scheint sich dieser mit dem Nachfolgeroman Vrenelis Gärtli noch zu steigern.

Wie wir bereits aus dem ersten Roman wissen, leben Quatemberkinder in mehr als einer Welt. Geboren in den Buss- und Fastenzeiten geboren, sind sie Menschen, und haben zugleich Umgang mit Hexen, Geistern und Teufeln aller Art. Melk war ein solches Quatemberkind, ein «usinnig verstuunetes», das es mit dem Zaubern nicht eben weit brachte. Da bewirkte alles Wollen und Helfen seiner Freundin Vreneli nichts.
Der Roman Quatemberkinder erzählte 1998 die Geschichte von Melk und wie er lange nicht merken wollte, dass das Vreneli ihn gern mochte. Es machte für ihn sogar den Gletscher brünnen – und noch viel mehr, wie wir aus diesem neuem Buch erfahren. Vreneli hat den Melk ganz für sich zu seiner Muse erkoren, um mit seiner Hilfe und für ihn wundersame Bilder ins Gletschereis zu brünzlen.
Vrenelis Gärtli ist das Gegenbuch zu Quatemberkinder, doch es ist keine simple Fortsetzung, sondern eine Steigerung aus anderer Perspektive, deren Ränder akkurat in die bereits bekannte Handlung hinein passen. Erzählt wird hier die Geschichte von Vreneli. Im Unterschied zum stillen Melk ist es ein echter Wildfang, das am liebsten in die Wildi «fenderen» geht und mit seinen Zaubereien die Jäger verschreckt. Vreneli entzieht sich jeder sozialen Kontrolle, doch vergelstert es sich selbst manchmal den Kopf vor lauter Geistern und Alleinsein.

Mythos und Logos

In seiner Familie herrscht seit je die sonderbare Ordnung, dass die Männer für die Kinder sorgen, während es die Frauen in die Welt hinauszieht. Die Frauen verbindet ein geheimnisvolles Band mit der Schöpfung, das ihnen auch Zugang selbst zum Herrgott gibt. Doch diese archaische Welt voll Zaubereien und mythischer Innigkeit neigt sich dem Ende zu.
Die Wende markiert gewissermassen der Brand von Glarus im Mai 1861. Melk und Vreneli, die endlich zueinander gefunden haben, symbolisieren den Übergang in die neue Ordnung. Zwar redet Vreneli den Glarnern ins Gewissen und rät ihnen, wie sie ihr Dorf gescheit neu aufbauen, damit es nicht wieder abbrennt. Doch es ist Melk, der nun das Regieren übernimmt. So obsiegt der Logos über den Mythos, und der archaische Zauber verschwindet aus der Welt. Melk
Indem er diese Zäsur festhält, geht Tim Krohn über die Quatemberkinder hinaus und stellt seine Zaubergeschichte einerseits in einen kulturhistorischen Kontext, andererseits auf ein gesellschaftspolitisches Fundament. Das «Gnuusch» und «Dsunderobsi» mit den Identitäten und Rollenmustern, das Vreneli wunderbar verkörpert und selbst den Herrgott in seinem Himmelreich beschleicht, wird von den Menschen in die rationale Ordnung der Moderne überführt, der sich Melk eher gewachsen zeigt. Angesichts dessen zöpflet Vreneli in Ruhe sein Leben zu Ende und verlässt diese Welt. Käme es dereinst nochmals wieder, wohin wohl?
Dem unnachahmlichen Mix aus deutscher Hochsprache und Glarner Dialekt, mit dem Tim Krohn in den Quatemberkindern überraschte, ist er treu geblieben. Mit verblüffender Souplesse und Geschmeidigkeit formt er die beiden Idiome zu einem zauberhaften Erzählstrom, dass es selbst vielen Glarnern den Atem verschlagen dürfte ob dem poetischen Reichtum, wenn es seine Figuren hier wäffelen, vergüegelen, ranzenplanggen und flamänderen, dass er nur so eine Art hat.
Derart spiegelt sich in der Sprache selbst der Grundkonflikt zwischen Mythos und Moderne. Das nicht geringste Verdienst dabei ist, dass Krohn die Feinheit der Wortwahl auch erzählerisch in subtilen Zwischentönen aufhebt und so nicht selten wundersam komische Wirkung erzielt. Beispielsweise, wenn Vreneli aus der Perspektive der Unwissenden das Tun in einem Kasino beschreibt und so gleich entzaubert.