Die Gespenstersammlerin

Verena Stössinger

Hulden, Trolle und Meerfrauen. Marra, die nachts den Menschen in den Mund greift und die Zähne zählt; Selbstmörder, die zu Seehunden werden, und Fischer, die als Wiedergänger keine Ruhe finden - Astrid hat sich für ein halbes Jahr in den hohen Norden abgesetzt. Auf den Inseln sammelt sie regionale Gespenstersagen. Dabei erlebt sie, wie ihre eigene geordnete Welt zunehmend Risse bekommt. Eine Unbekannte poltert nachts an ihre Tür. Sie begegnet Pætur, er konfrontiert sie mit der Geschichte und Realität des Landes und kommt ihr bald sehr nah. Und schließlich taucht die Freundin ihrer Mutter auf und behauptet, Astrids Vater sei zurückgekommen, obwohl er vor langer Zeit ertrunken ist. Ein wunderbar bildsatter Roman vor der Kulisse einer befremdlich rauen Insellandschaft.

(Buchpräsentation edition bücherlese)

Von Seehunden und Menschen

von Beat Mazenauer

Publiziert am 02/05/2017

Ein Blick in den Atlas zeigt: Die Färöer sind weit weg, sie liegen draussen in einem endlos weiten Meer, von dem her Wolken, Winde und Regenschauer über die Insel hinweg stieben. Das Leben auf diesen kargen Inseln ist anstrengend, die Menschen haben sich gegen den Ansturm der Witterung zu behaupten. Selbst im Sommer, wenn die Wolken hin und wieder einen traumhaft blauen Himmel freigeben, werden die Inseln nicht richtig warm.

Kein Wunder also, wenn diese Bedingungen in Verena Stössingers Roman die Atmosphäre lebhaft prägen. «Der Himmel ist jetzt voller Wolkenklumpen, sie sind fast schwarz und sehr nah. Ob das wieder einen Regenschwall bedeutet?» fragt sich Astrid, die Anfang Januar auf der Insel ankommt. Ein halbes Jahr will sie bleiben und sich mit den Mythen und Mysterien der Insel beschäftigen. Dafür bezieht sie eine kleine Wohnung im ehemaligen Wohnhaus des färöischen Volksdichters William Heinesen in der Hauptstadt Tórshavn.

Im Januar wird es früh dunkel im hohen Norden. Astrid geniesst jedoch die Abgeschiedenheit. Sie hat alles hinter sich gelassen, das Telefon funktioniert nicht, Internet hat sie keines in der Wohnung, lediglich die Post lässt sie sich nachsenden. Und vor allem weiss sie die nörgelnde, anspruchsvolle Mutter weit weg, bei der sie mit ihren 42 Jahren noch immer lebt. Den Vater dagegen hat Astrid nie kennen gelernt, er verschwand, als sie zwei war: aus einem Boot gekippt und nie wieder aufgetaucht.

Verena Stössinger begleitet ihre Heldin durch die gleichförmigen Tage auf der Insel. Zum einen die meteorologischen Bedingungen, zum anderen die seltsamen Geschichten von Trollen, Hulden und Wiedergängern prägen die Atmosphäre, die von der Autorin behutsam mit einer präzisen, selten überschäumenden Sprache aufgefangen wird. Astrid ist keine von Natur aus glücksbegabte Frau, sie ist eher ernsthaft, pragmatisch, eigenwillig. Die Erzählung lässt erahnen, dass sie etwas mit sich schleppt, das nicht so recht an die Oberfläche ihres Bewusstseins dringen will. Vielleicht ist sie gerade deswegen von der Geschichte der Seehundmenschen fasziniert.

Das weite Meer rings um die Inseln ist Grab und Zuflucht zugleich. Während Schiffbrüchige in den Augen der alten Färinger unerlöste Seelen blieben, konnten Selbstmörder zu Seehunden werden, die ans Land zurückkehrten. Die Färöer sind reich an solchen mythischen Erzählungen. Ihre eigentliche Tragweite zeigt sich, als Astrid von einer Freundin der Mutter besucht wird. Sie ist extra in den Norden gereist, um ihr mitzuteilen, ein Mann sei aufgetaucht, der sich Hans nenne und behaupte, er sei ihr Vater. Astrid weiss gar nichts von ihm. Zuhause wurden alle Zeichen seiner Existenz getilgt, die Mutter schwieg sich resolut über ihn aus. Weshalb denn? Mit einem Mal vermengen sich Mythologie und Realität und erzeugen in Astrids Kopf eine Stimmung, die sich dem trüben Wetter angleicht.

Dass zu gleicher Zeit auch ein Einheimischer kurz in ihr Leben tritt, Paetur, der Astrid zugleich fasziniert und irritiert, macht die Sache nicht leichter. Ihm gegenüber zeigt sich Astrid auch von einer egoistischen, kratzbürstigen Seite. Ein halbes Jahr reicht nicht, um sich von den alten Geschichten frei zu machen.

Die Gespenstersammlerin kreiert eine behutsame, sich nach und nach entwickelnde Textur an Bildern und Stimmungen, in der Astrids Geschichte atmosphärisch stimmig aufgehoben wird. Verena Stössinger hält sich dabei zurück, die drängenden Fragen auflösen zu wollen. Allein schon die Topographie bleibt unbenannt, nur zu erahnen. Bloss in einer Nachbemerkung werden die Färöer namentlich bezeichnet.

Vor allem die Suche nach dem Vater – schon Verena Stössingers vorletztes Buch Bäume fliehen nicht (2012) erzählte von einer Vatersuche – bleibt als Andeutung und Aufgabe für die Zeit danach stehen. Auf nicht eindeutig bestimmbare Weise vermengt sie sich motivisch mit den Seehundmenschen, mit Sagen also, in denen alles möglich ist. Und in der Realität? Das mythische Potenzial der Inseln geht auf die Besucherin über, es wird sie auf ihrem Weg zurück nach Hause begleiten. Astrid wird in der Schweiz eine Antwort darauf finden müssen.