Dorffrieden

Lorenz Langenegger

Ist die Woche vorbei, kann sich Wattenhofer sagen: «Jetzt ist schon wieder nichts passiert», und das ist gut so. Zwei mal zwei Kilometer misst der Flecken Idylle in der Provinz, wo er die Obrigkeit verkörpert und als Polizeiwachtmeister darüber wacht, dass nichts passiert. Doch eines Tages, just vorm Wochenende, erhält er einen Hinweis, und er geht ihm nach. Gründlich. Und entdeckt einen Schlüssel zu einem Garderobenschrank im örtlichen Schwimmbad. Dieser Schlüssel führt ihn zu einer Sporttasche, und in dieser Sporttasche findet er ein Foto, zerrissen, und auf dem Foto erkennt er seinen Sohn. Auf einmal ist nichts mehr, wie es war, nicht in seinem Hoheitsgebiet und nicht in seinem Leben. Wie aus heiterem Himmel ist da ein Fall, der größer und größer wird, und plötzlich geht es um alles.

(Buchpräsentation Jung und Jung)

Rezension

von Martina Keller

Publiziert am 19/12/2016

Wattenhofer ist Polizist mit besonderen Aufgaben im Quartierdienst in einer kleinen Gemeinde am See, zwei auf zwei Kilometer. Er wird von seinen entzündeten Augen geplagt und freitags von seinem Chef ermahnt, den Papierkorb auf den Tisch zu stellen. Einmal die Woche trainiert er die E-Junioren des lokalen Fussballvereins, bald droht die Versetzung zu den D-Junioren. Seit 25 Jahren verheiratet, ein Sohn, spielt gerne Patience auf dem Computer. Die Hauptfigur in Lorenz Langeneggers drittem Roman Dorffrieden klingt nicht gerade nach einem Romanhelden. Das ist Wattenhofer wahrhaftig nicht und obwohl er Kommissar ist, ist Dorffrieden auch kein Krimi. Nur so viel: Wattenhofer findet einen Schlüssel in einer leeren Zigarettenschachtel neben dem Veloständer des Schulhauses. Den Hinweis dazu hat Frau Direktor Ramsauer gegeben, die reiche Witwe des Gemeindepräsidenten, welche die Polizei immer mit Hinweisen versorgt, denen man gewissenhaft nachzugehen hat, denn die halbe Gemeinde hängt am «Tropf ihrer Spenden». Im Gegensatz zu seinen Kollegen nimmt sich Wattenhofer gern ihrer Geschichten an. Er schätzt ihre Würde und ihren Witz und ist der Meinung, dass «sie in einen grossen Roman» gehört. Seine Ermittlungen führen ihn ins Schwimmbad, in einen Nachtclub, ins örtliche Museum und zum Autovermieter Roli. Er findet Gummistiefel in einem Schliessfach, einen alten Sportsack mit einem zerrissenen Foto seines Sohns (was hat der mit der Sache zu tun?) – doch nichts scheint zusammenzupassen. Manchmal stellt sich Wattenhofer vor, wie es wäre, wenn er einen gefürchteten Verbrecher jagen würde...

Doch nur weil er ein Polizist ist, gibt seine Geschichte noch lange keinen Krimi her. Genau mit dieser Erwartung aber hat Wattenhofer zu kämpfen. Er kennt sich mit dem Krimigenre aus – seine Frau liebt die schwedischen Krimiautoren und schaut jeden Sonntagabend Tatort – und so ist er sich der Diskrepanz zu seinem eigenen Leben umso bewusster: «Der unerträgliche Unterschied besteht darin, dass bei den Tatort-Kommissaren die Philosophie, die liebende Frau, das Kind, die Imbissbude und der Ärger über die Kollegen nur die Beilagen zu einem Mordfall sind, er hingegen kaut seit fünfundzwanzig Jahren darauf herum, als wären sie der Hauptgang». Trotzdem fühlt sich Wattenhofer wie eine Figur in einer Geschichte, er nervt sich sogar über die «investigative Miene», die er manchmal aufsetzt und die er bestimmt nur aus den Fernsehkrimis kennt. Immer wieder fragt er sich, wer seine Geschichte wohl schreibt: «Wenn es ihn gibt, diesen Autor, der sich das alles ausdenkt, ist er mit Sicherheit kein Krimiautor. Denn wenn er einer wäre, würde er die Geschichte ganz anders anlegen». Wattenhofers Autor, Lorenz Langenegger, der auch schon für den seinem Romanhelden verhassten Tatort Drehbuch geschrieben hat, vermag es gekonnt mit den Klischees der Kriminalgeschichte zu spielen und trotz des ereignislosen Plots Spannung zu erzeugen. Das geschieht insbesondere über die feine und humorvolle Charakterisierung des Protagonisten und über die Genauigkeit, mit welcher dieser seine Umgebung wahrnimmt.

Obwohl die Geschichte nicht aus der Ich-Perspektive der Hauptfigur erzählt ist, sind die Leser doch ganz nah dran. Wattenhofer verschwindet nie aus ihrem Blickfeld, ebenso wenig, wie er seiner Familie und der alltäglichen Routine entkommen kann – da hilft es auch nicht, dass er sich eines Abends aus dem Badezimmerfenster schleicht und für einen kurzen Moment für alle unauffindbar ist. Da kann sich der Leser als Ermittler versuchen, weil der Erzähler ihn im Dunkeln lässt: «Hat er vergessen, es auszuschalten? Dem genauen Beobachter fällt eine zweite Unregelmässigkeit auf: Auf dem Regalbrett, wo eben noch der Sportsack aus dem Schwimmbad und der Plastikbeutel mit der Zigarettenschachtel lagen, ist eine Lücke». Dabei wird einem die Trivialität des Ermittelns gleich selbst vorgeführt, wenn man eine Seite später wieder Zeuge wird, wie Wattenhofer ganz banal mit Helm und Reflektoren um die Hosenbeine die Strasse hoch fährt.

Trotz der Belanglosigkeit seines Falls legt Wattenhofer Nachtschichten ein, klingelt sogar ein ganzes Haus um Mitternacht aus dem Bett und löst einen Fehlalarm bei der Feuerwehr aus. Der Fall gibt einfach nicht viel her. Während der Lektüre vergisst man manchmal fast, worum es denn eigentlich geht. Wattenhofer ermittelt um des Ermittelns Willen und um der angespannten Stimmung zuhause zu entfliehen. Sein Sohn – wohlbemerkt der Sohn eines Polizisten – lebt seit Kurzem in der Stadt in einem besetzten Haus und interpretiert die Gesetze eher frei, was seinen Vater beunruhigt. Um an seinem «Fall» zu arbeiten, verstrickt sich Wattenhofer in Lügen (wieso hat er seiner Frau nicht einfach gesagt, dass er zwecks dringender Ermittlungen in den Nachtclub muss und ihr stattdessen eine schlechte Notlüge aufgetischt?), so dass sich der erfolgreiche Abschluss zu einer Notwendigkeit entwickelt: «Er hat keine Wahl, bis morgen früh muss er diesen Fall gelöst haben, damit er Helen sein mehr als sonderbares Verhalten, seine Lügen und Heimlichtuereien vernünftig erklären kann». Es geht also mehr und mehr darum, eine gute Geschichte erzählen zu können. So reflektiert auch der Roman immer wieder, was eine gute Geschichte ist, ob das Leben eine gute Geschichte sein muss und wie Geschichten helfen, um durch das Leben zu kommen. «Ohne Geschichten kann der Mensch nicht leben», denkt auch Wattenhofer. Und Dorffrieden ist eine gut erzählte Geschichte – selbstironisch, feinfühlig und genau ausgeführt. Langenegger beweist ein feines Gespür für Sprache; sogar die Beschreibung, wie Wattenhofer eine Autobahn sperrt, ist auf ihre Art poetisch. Auf gekonnte Weise führt Langenegger vor, wie viel Ermitteln mit Lesen zu tun hat, dass jede Geschichte ein Fall sein kann – und dass das Leben mehr als genug Geschichten bietet, man muss sie nur gut erzählen.

Kurzkritik

Lorenz Langenegger erzählt in seinem dritten Roman Dorffrieden die Geschichte des Polizeiwachtmeisters Wattenhofer («mit besonderen Aufgaben im Quartierdienst») die sich nicht recht zu einem spannenden Krimi entwickeln will. Wattenhofer befragt Leute, ermittelt an verschiedenen Schauplätzen, doch die Teile fügen sich nicht zusammen – er verstrickt sich in Notlügen gegenüber seiner Frau und muss den Fall unbedingt lösen, um ihr sein Verhalten mit einer «vernünftige Geschichte» erklären zu können. Ums Geschichtenerzählen geht es in Dorffrieden im Wesentlichen und Langenegger ist ein fantastischer Erzähler. Er spielt mit Krimistereotypen um sie auch gleich zu verwerfen und erzeugt Spannung durch die feine und humorvolle Charakterisierung seiner Protagonisten. (Martina Keller in Viceversa Literatur 11, 2017)