Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch

Michelle Steinbeck

Loribeth ist auf der Flucht, in ihrem Koffer ein erschlagenes Kind. Eine Wahrsagerin hilft ihr weiter: Sie muss den Koffer samt Kind ihrem verschollenen Vater bringen, um erwachsen zu werden. Auf ihrer phantastischen Reise durchquert sie Städte, Wüsten und Meere und verliebt sich in alle Wesen, die ihr etwas Essbares anbieten. Doch unerwartete Begegnungen, Katastrophen und eine erschreckend lebendige Kofferleiche zwingen sie stets weiterzuziehen – bis der Koffer seinen Bestimmungsort findet und Loribeths Blick sich verändert: Das Magische geht ins Reale über. Das langersehnte Leben im Kreis der auserwählten Freunde ist öd; nichts passiert. Um ein wenig Magie zurückzuholen, wird wild gefeiert, doch Loribeth kann nicht aufhören zu fragen: Soll das nun alles sein?

Michelle Steinbeck ist mit ihrem Debütroman eine virtuose Entwicklungsgeschichte gelungen. In einer sinnlichen Sprache erzählt sie die Abenteuer einer jungen Frau, deren Ängste vor dem Erwachsenwerden buchstäblich lebendig geworden sind. Die märchenhaften Bilder überraschen durch skurrile Wendungen und offenbaren einen wachen Blick auf die zeitlosen Themen der Jugend.

(Buchpräsentation Lenos Verlag)

Rezension

von Martina Keller

Publiziert am 13/05/2016

«Auf der Küstenstrasse drehe ich das Radio an. Unter mir blinkt das Meer. Die Sonne scheint mir direkt ins Gesicht.» Nach den letzten Sätzen dieses Buchs fühlt man sich, als wäre man aus einem Traum aufgewacht. Einer dieser Träume, die einem mit Herzklopfen zurücklassen, ungläubig die Augen reibend. Nicht weil sie Albträume wären, sondern weil sie so skurril sind. Da treffen Personen aufeinander, die sich gar nicht kennen, es geschehen Dinge, die eigentlich grausam sind, aber im Traum kommen sie einem gar nicht so vor, unverhofft und plötzlich findet man sich wieder an einem neuen Ort. Ein Traum dauere nur wenige Sekunden, sagt man. Die fünfundzwanzigjährige Literaturinstitutabgängerin Michelle Steinbeck präsentiert mit Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch so einen Traum. Die narrative Logik dieser Erzählung schreckt nicht zurück vor raschem Wechsel, abrupten Sprüngen und einem rasanten Erzähltempo. Die Geschichte kommt ohne jegliche Kausalität aus: Sie braucht keine Gründe für Ortswechsel, neue Figuren, schicksalshafte Wendungen oder grauenhafte Taten. Schnell merkt man als Leser, dass man sich über alles oder gar nichts wundern soll.

Die junge Protagonistin Loribeth fühlt sich bedroht von Kindern, besonders von einem, das mit blinkenden Schuhen immer wieder bei ihr auftaucht. Sie empfindet gleichermassen Ekel und Angst vor Kindern, beschreibt sie als «ungesunde Gestältchen» und fürchtet fiese Streiche von der Gruppe um ihren Bruder. In ihrer Wut wirft sie ein Bügeleisen, trifft das Kind mit den Blinkschuhen und findet es tot auf. Der Tod des Kindes ist für Loribeth jedoch nicht besonders schockierend, sondern eher mühsam. Beim Anblick des toten Kindes überkommt Loribeth auch schon wieder ein lähmender Hunger. Sie steckt das Kind in einen Koffer und trägt es – genauso wie den Hunger – auf der Suche nach ihrem Vater als stetes Unbehagen mit sich herum. Sie begibt sich auf eine skurrile Odyssee, begegnet einer Wahrsagerin, einem hellen Mann auf dem Friedhof, mit dem sie Tee trinkt und Kuchen isst und auf einen Berg steigt, macht eine Schiffsreise und irrt durch die rote Stadt. Loribeth trifft auf Menschen, kann aber nicht wirklich in eine Interaktion treten mit ihnen. Viele Wortwechsel muten absurd an und brechen konventionelle Regeln der Pragmatik. Loribeth ist absorbiert von sich selbst und von ihrem latenten Groll auf alles. Wie von einer Wolke umgeben wandelt sie durch eine Welt, die sie nur als Auslöser ihrer Fantastereien wahrnimmt. Aus dem kleine Hund der Wahrsagerin wird ein hässliches Krokodil. Anfangs scheint sich Loribeth ihrer Einbildungen bewusst zu sein, ist jedoch unfähig, sich ihnen zu entziehen. So sind ihre Imaginationen zuerst noch an die Realität geknüpft, heben sich dann aber immer mehr davon ab und spätestens auf dem Schiff tauchen auch die Leser vollends in Loribeths Universum. Sie trifft Fridolin Seifert und verliebt sich sofort in ihn, wie sie sich eigentlich in alle Männer verliebt. Auch Fridolin gesteht ihr seine Liebe sofort nach ihrem ersten Treffen. Er malt sich das Leben als kleine Familie aus mit dem Kind, springt voraus in Gedanken, schnell und zusammenfassend. «Wir könnten all das reinerziehen, was wir eigentlich sein wollen, aber nicht mehr sein können». Er macht mit dem Kind, was Steinbeck mit ihren Romanfiguren auch anstellt: Er formt es nach seinem Willen, entgegen jeglicher narrativen Logik.

In diesem Roman wird nicht gestorben. Der Tod ist zwar allgegenwärtig, beginnt das Buch doch mit der Ermordung des Kindes. Doch niemand bleibt tot. Selbst das tote Kind regt sich immer mal wieder in seinem Koffer. Andere Menschen werden vom Ozean verschluckt und tauchen wieder auf. Einmal schiessen gar Loribeths beide Liebhaber aufeinander, auch auf sie, doch niemand stirbt. Der Tod ist weder schrecklich noch definitiv, sondern einfach ein Abgang von einer Bühne, die man auch wieder betreten kann. Aber trotzdem ist Steinbecks Sprache zuweilen grausam. Mit ihren Figuren geht sie nicht zimperlich um, sie schreibt schnörkellos von Faulem, Stinkendem und Moderndem. Die Sprache ist gezeichnet von einer gewissen Trotzigkeit und einem latenten Groll.

Nach der Episode auf dem Schiff trifft Loribeth auf einer Insel auf eine Gruppe von Menschen, die Wer bin ich? spielen: Jeder ist mit einem Post-It auf der Stirn beschriftet. Eine Frau, auf deren Stirn «Einhorn» steht, zeigt ihr das Haus und Loribeth nennt sie fortan «Einhorn», also einfach so, wie sie angeschrieben ist. Aber eigentlich ist Loribeth ja auf der Suche nach ihrem Vater und irgendwann findet sie ihn. Dieser vermeintliche Höhepunkt des Romans ist aber nur eine weitere Episode, und Loribeth reist wieder ab. So wird klar, dass dieses Buch weder von einem narrativen Bogen noch von einer feinen Charakterisierung seiner Figuren lebt, sondern vielmehr von einer unbändigen Fantasie und einer verspielten Sprache. Eine Kostprobe:

Ein Vogel hat sich zwischen den Eisenstäben des Geländers verfangen. Er flattert aufgeregt, macht sich mit einem lauten Schlag los und stürzt auf mich herab. Ich fange ihn auf. Es ist ein kanariengelbes Badetuch. (S. 76)

Trotz der Verspieltheit durchdringt diese Geschichte aber auch eine Skrupellosigkeit, ein schamloser Umgang mit der Welt und auch eine tiefe Traurigkeit. Die Vielschichtigkeit der Emotionen, die Steinbeck mit ihrer virtuosen Sprache erzielt, ist verblüffend. Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch liest sich wie ein Spielplatz für die Fiktion, auf dem alles erlaubt ist und alles Platz hat.

Kurzkritik

Michelle Steinbecks Debütroman liest sich wie ein Traum: Die Figuren sind konturlos, tauchen aus dem Nichts aus und verschwinden ebenso plötzlich; ein Kausalitätsprinzip gibt es in dieser Welt nicht. Als die Protagonistin Loribeth eines Tages aus Versehen ein Kind tötet, packt sie es in einen Koffer und macht sich auf die Suche nach ihrem Vater. Auf ihrer Odyssee trifft sie Männer, in die sie sich immer sofort verliebt, eine Wahrsagerin, die ihr Beziehungsprobleme zu ihrem Vater attestiert, eine Künstlergruppe auf einer Insel – stets begleitet sie das nicht immer ganz so tote Kind im Koffer sowie ein dumpfes Unbehagen, Ekel und Angst vor ihrer Umwelt und ein unbändiger Hunger. Steinbeck gelingt mit dieser fantastischen aber auch grausamen Reise Loribeths ein ebenso skurriles wie poetisches Debüt. (Martina Keller in Viceversa Literatur 11, 2017)