Schildkrötensoldat

Melinda Nadj Abonji
Rezension vom 17/10/2017 von Beat Mazenauer

Kriege fressen die Seele auf. Es sind nicht nur die Gefechte, die traumatisieren, rings um kriegerische Konflikte entsteht eine aufgeheizte Stimmung, in der humane Zwischentöne und emotionale Feinheiten kaputt gehen. Es gibt nur weiss hier und schwarz jenseits der Front. In ihrem neuen, zweiten Roman nach Tauben fliegen auf (2010) erzählt Melinda Nadj Abonji mit poetischem Mitteln von diesen niederschwelligen, oft unsichtbaren Verstümmelungen.

Das Buch spielt in der serbischen Vojvodina, nahe an der Grenze zu Bosnien, wo sich 1991 der gegenseitige Hass in einem grausamen Gemetzel entlud. In einem der Dörfer lebt der unbescholtene Zoltán Kertész, oder Zoli, wie er gerufen wird. In einem verwunschenen Schuppen trug er als Kind allerlei Fundsachen und ordnete sie in einem kleinen Universum aus Schachteln, das er mit Hilfe seiner Cousine Anna Ujházi immer wieder umgruppierte. Inmitten dieser «Schachtelwelt» gab es auch eine von Zoli geschnitzte Schildkröte. Das Tier erhielt seinen Platz in den Zwischenräumen, denn, wussten die beiden insgeheim, es trug «die ganze Welt auf seinem Panzer». Aus dem Schildkröten-Zoli sollte nach vielen Jahren ein Schildkrötensoldat werden. Genauer ein S-C-H-I-L-D-K-R-Ö-T-E-N-S-O-L-D-A-T.

Anna ist zu dieser Zeit längst in die Schweiz umgezogen, deshalb weiss sie nur vom Hörensagen, wie es Zoli seither ergangen ist. Aus dem Dummling wird ein Soldat werden, dachten seine Eltern, und damit ein Kerl, ja sogar ein Held. Doch einer wie Zoli würde immer ein liebevoller Idiot bleiben, ein unfähiger Krüppel, ein «Gartennarr» – oder wie immer es die andern nennen wollen. Zuerst war er als Junge vom Motorrad seines Vaters gefallen, dann wurde er von seinem Lehrmeister in der Bäckerei geohrfeigt und zum Säckeschleppen verdammt. Er begann zu stottern und bekam epileptische Anfälle, mit denen keiner was anzufangen wusste, auch der Arzt nicht.

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Rezension

Das unaufhaltsame Fliessen

Christian Haller

Zwei Jahre nach Die verborgenen Ufer legt Christian Haller eine Fortsetzung nach, die den zweiten Band einer autobiografischen Trilogie darstellt. Der erste Teil behandelte die Erinnerungen des Schriftstellers in chronologischer Folge. Er begann bei der Geburt und endete damit, dass der Nachwuchsdichter in einer winzigen Unterkunft im Zürcher Niederdorf sowohl persönlich wie beruflich den Boden unter den Füssen verloren hatte. Auslöser der Erinnerung an diese schwierige Zeit war ein Unglücksfall, den Haller 2013 heimsuchte. Das Hochwasser des Rheins hatte die Terrasse seines Hauses mitgerissen, worauf sich herausstellte, dass es um die Fundamentierung seines ganzen Hauses schlecht bestellt war. Dazu kam der Wegzug seiner Lebenspartnerin.

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Artikel

Von Bäumen und Meeren

Virgilio Masciadri: Allee ohne Laub

Die Lyrik von Virgilio Masciadri (1963-2014), Aargauer mit italienischen Wurzeln, ist geprägt von einer Formensprache, die seine altphilologische Bildung verrät. Dies trifft zumindest für jene Lyrik zu, die zu seinen Lebzeiten erschienen ist. Die eben erschienenen Nachlass-Gedichte aus den Jahren 1998 bis 2013 stehen unter einem anderen Stern. Der Lyriker zeigt sich von einer intimen Seite, die aufs eigene Erleben von Stadt, Natur, Jahreszeiten fokussiert. Selbst ein hin und wieder auftauchendes Du ist womöglich eher an sich selbst gerichtet. Der Band teilt sich in zwei Gruppen, die ineinanderfliessen und durch die Farbe Grau atmosphärisch miteinander verbunden sind. Er trachtet nicht nach vorgetäuschten Farben, «wo nur der Alltag ist und sein Grau».

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Artikel
Viceversa 11: Diebeslust / au voleur! / Al ladro!
Editorial / éditorial / editoriale
Artikel vom 02.05.2017 von Matteo Ferrari / Ruth Gantert / Marina Skalova

Editorial

«Ich bin ein Dieb» lautet der trotzige Titel einer Geschichte von Friedrich Glauser. Der Autor war tatsächlich wegen Diebstahl inhaftiert – eine Erfahrung, die sich in seinen Kriminalromanen und Geschichten niederschlägt. Robert Walsers Ich-Erzähler im Räuberroman hält hingegen vorsichtig-ironischen Abstand zu seiner Figur: «Ich muss immer achtgeben, dass ich mich nicht mit ihm verwechsle.» Mit einem Dieb vergleicht sich Alberto Nessi ganz direkt in seinem Gedicht «Ladro di minuzie»: Der Dichter erscheint als «Kleinigkeitendieb», der in unbewohnte Höfe eindringt und Einzelheiten mitgehen lässt.

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Eventi letterari Monte Verità 6-9 aprile 2017
I luoghi dell’utopia / Orte der Utopie / Les lieux de l'utopie
Artikel vom 10.04.2017 von Ruth Gantert

Nicht-Orte, Orte des Nichts und Orte der Sehnsucht

La torre dell’utopia heisst ein eher gedrungenes steinernes Gebäude, das im Park des Monte Verità liegt, hinter einer Abschrankung mit farbigen Bändern: «Vietato ai non adetti al lavoro». Eine steinerne Wendeltreppe windet sich um das Gebäude, deren unterste Stufen abgebrochen sind. Stattdessen ist ein Stuhl zu Füssen der Treppe platziert. Ein Nicht-Ort, der zum Verweilen einlädt, zum Ausbrüten von Ideen. Wer soll sich hier niederlassen und über das Festivalthema «Orte der Utopie» sinnieren?

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Die Fraglichkeit jeder Verwurzelung
Francesco Micielis «Dresdner Poetikvorlesungen» und seine Erzählung «Hundert Tage mit meiner Grossmutter»
Artikel vom 06.03.2017 von Daniel Rothenbühler

Beinahe unbemerkt jährte sich 2016 zum dreissigsten Mal ein für die deutschsprachige Schweiz entscheidendes literarisches Ereignis: 1986 wurden erstmals zwei Texte publiziert, in denen Menschen aus anderen Ländern sich in der Sprache ihres Ankunftslandes literarisch ausdrückten. Dragica Rajčić veröffentlichte die Halbgedichte einer Gastfrau, Francesco Micieli den Prosatext Ich weiss nur, dass mein Vater grosse Hände hat. Das veranlasste die Literaturkritikerin Elsbeth Pulver 1988 zur Vermutung, mit diesen Namen, die «auf Doppelbürgerschaft, auf ein Leben zwischen zwei Kulturen» hindeuteten, werde «ein neues Kapitel Literaturgeschichte» eröffnet. Seither hat sich die Zahl der Autorinnen und Autoren, die zwischen zwei oder mehr Kulturen bzw. Sprachen leben und schreiben, tatsächlich vervielfacht, und Einzelne darunter haben breite Anerkennung erlangt.

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Neuerscheinungen